Geschichten

  Melchior, wie du willst!Himmel und HölleFrau Hanaceks SchwarzwäldertorteDer UnterschiedSerendipity – Der Wert des Reichtums

Melchior, wie du willst!

Das Geschlecht der Falkensteiner hatte weitläufige Besitzungen, die einmal unter zwei Brüder verteilt wurden. Der eine hieß Melchior und residierte im Rheingau, der andere, Konrad, bewohnte die Stammburg am Donnersberg.
Melchior fühlte sich benachteiligt, versammelte seine bewaffneten Knechte und zog mit ihnen vor die Burg Falkenstein. Dort forderte er unter lautem Drohen und Schimpfen seinen Bruder zum Zweikampf heraus.
Konrad versuchte ihn mit freundlichen Worten zu besänftigen, aber alles Zureden war vergebens. Der erbitterte Melchior drohte die Burg zu stürmen. Als der Graf sah, daß er davon nicht abzubringen war, schloß er das Fenster mit den Worten: „Melchior, wie du willst!“ Darauf ging er in den Hof hinab, um seine Knechte zum Widerstand bereitzuhalten.
„Melchior, wie du willst“ – das muß dem Erzürnten im Ohr weitergeklungen haben.
Ja, was wollte er eigentlich?
Wollte er tatsächlich den Kampf mit seinem Bruder? Warum, was hätte er davon?
Und wie sollte es dann weitergehen?
Er besann sich eines besseren, vergaß seinen Groll, und zur großen Verwunderung seiner Leute sagte er den Sturm ab. Er begehrte nun friedlichen Einlaß in die Burg, und bei einem festlichen Mahl feierten die Brüder ihre Versöhnung.
Jene Worte aber wurden zur ewigen Erinnerung in einen Stein gehauen und dieser über dem Burgtor eingemauert. Das Schloß ist jetzt zerfallen, aber der Stein ist noch vorhanden; er wird den Reisenden im Garten des Eisenwerks bei Hochstein gezeigt.

Himmel und Hölle

Der Prophet Elia hat eine Vision: er sieht die Hölle.
Hungrige, abgemagerte Gestalten sitzen um einen riesigen Topf mit köstlich duftender Suppe. Die Löffel, die sie in den Händen haben, sind riesengroß, vielleicht zwei Meter lang! So behindern sie sich gegenseitig im Versuch, von der Suppe zu essen, verhaken die Löffel, verbrühen einander die Hände, wenn sie etwas verschütten, und die langen Löffel kann ohnehin niemand zu seinem Mund führen…ein Elend!
Entsetzt wendet sich Elia ab und sieht –
den Himmel!
Der selbe große Topf, die selben langen Löffel.
Aber die Leute, die darum herum sitzen, sehen wohlgenährt und zufrieden aus.
Die langen Löffel bereiten ihnen kein Problem: jeder füttert einen anderen aus der Runde, und alle werden satt.

Frau Hanaceks Schwarzwäldertorte

Frau Hanacek war eine von den schwarzgekleideten Kopftuchfrauen, die man noch in den Sechzigerjahren gelegentlich in Deutschland antreffen konnte. Sie hatte nicht nur ihren Mann verloren, sondern auch ihr ganzes Hab und Gut im Sudetenland – wie alle die dort gelebt und das Pech gehabt hatten, der „falschen“ Ethnie anzugehören. Sie war Flüchtling, und das erkannte man nicht nur an ihrer typischen Kleidung, sondern auch an ihrem Akzent.
Wie alle in ihrer Situation hatte sie nur ein kärgliches Auskommen, aber sie hatte einen Traum:
Sie wollte sich so gerne einmal im Leben eine Schwarzwäldertorte leisten!
Kuchen kosteten damals 4 DM, Torten 8 DM (wohlverstanden: dafür gabs das ganze Werk, nicht nur ein Stück!). Viel Geld für Frau Hanacek, viel zuviel für eine alleinstehende Witwe, die mehr schlecht als recht über die Runden kam.
Dennoch behielt ihr Ziel vor Augen, sparte, und eines Tages war es soweit: sie wurde stolze Besitzerin einer Schwarzwäldertorte. Einer ganzen. Für 8 DM. Die gehörte nun ihr ganz allein!
Frau Hanacek war außer sich vor Freude und konnte sich nicht sattsehen. Diese Torte war doch viel zu schön, um sie anzuschneiden! Morgen ist ja auch noch ein Tag. So konnte sie sich einfach nicht durchringen, dieses Meisterwerk aus hellem und dunklem Biskuit, Schlagsahne, Schokoladeraspeln und roten Kirschen zu zerstören. Darauf wäre es ja hinausgelaufen, wenn sie ein Stück nach dem anderen abgeschnitten und gegessen hätte.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis sich die Torte allmählich zum Nachteil veränderte. Schimmelpilze hatten entschieden weniger Skrupel als Frau Hanacek, und so wuchsen langsam graue Haare auf der Schlagsahne. Bald half alles nichts mehr – schweren Herzens wurde die Schwarzwälder in der Mülltonne begraben, ohne daß auch nur ein einziges Stück Frau Hanaceks Lippen berührt hatte.
Das ist eine wahre Begebenheit. Frau Hanacek lebt längst nicht mehr, und es sei ihr gegönnt wenn sie im Himmel so viele Schwarzwäldertorten essen und betrachten kann wie ihr Herz begehrt. Nicht zuletzt, weil sie uns hoffentlich mit dieser Geschichte beibringt, es besser zu machen als sie. Wer hat nicht schon etwas ungenutzt vergammeln lassen, bis alles zu spät war?

Der Unterschied

Zwei Mandarine teilten die Leidenschaft für kunstvoll angelegte Gärten mit Teichen, in denen sich prächtige Zierfische tummelten. Eines Tages fragte der eine:
„Wir haben unsere Gärten genau gleich angelegt. Die Größe, die Pflanzen, die Bewässerung, die Teiche, die Fische, deren Futter – alles ist identisch. Warum sind deine Fische aber so viel stärker, größer und farbiger als meine?“
Der Freund lächelte – und schwieg.
Erst auf dem Sterbebett gab er das Geheimnis preis:
„Du wolltest schon immer wissen, was meine Fische so gut gedeihen ließ. Nun, es ist an der Zeit, das Rätsel zu lösen.
Es ist ganz einfach: ich habe, wie du, meine Fische gut versorgt, ihnen das beste Futter und die beste Umgebung gegeben. Aber ich habe den Raubfisch nicht vertrieben, der eines Tages in den Teich kam und für Unruhe sorgte. So mußten meine Fische alle Kräfte aufbieten, um sich zu wehren und am Leben zu bleiben. Das ist der Unterschied. Das ist es, was sie stärker, größer und farbiger gemacht hat.“

Serendipity

Es waren einmal drei Prinzen, die ausritten um einen bestimmten Schatz zu finden.
Über Jahr und Tag trafen sie sich an der selben Wegkreuzung wieder, von der aus jeder in eine andere Richtung aufgebrochen war.
Der erste war mit leeren Händen zurückgekehrt.
Der zweite war glücklich, denn sein seine Suche war von Erfolg gekrönt. Er hatte tatsächlich den Schatz gefunden!
Was war mit dem dritten?
Logischerweise konnte er den selben Schatz nicht auch gefunden haben – aber er hatte links und rechts des Weges so viele kleinere Kostbarkeiten mitgenommen, die insgesamt ein Vielfaches wert waren von dem Schatz, den er ursprünglich gesucht hatte…

Der Wert des Reichtums

Das ist eine persönliche Erinnerung aus der Zeit, wo am Sonntagnachmittag auf einem der beiden (!) Fernsehprogramme die „Augsburger Puppenkiste“ lief. Die Geschichte ist also Jahrzehnte alt – und aktueller denn je. Es sei der geneigten Leserschaft überlassen, innere Bilder dazu aufsteigen zu lassen.
Zu Beginn ein Dörfchen, seine Bewohner und derenTagesablauf:
Der erste, der morgens aufsteht, ist der Bäcker.
Er heizt den Ofen an, bereitet Teig, und als auch die anderen Leute aufgestanden sind und frühstücken wollen, liegen die Brötchen schon im Laden bereit.
Der nächste Wecker klingelt beim Postboten. Der sortiert Zeitungen und Briefe und trägt sie aus.
Dann sammelt der Schäfer die Tiere und bringt sie auf die Weide.
Der Metzger bereitet Wurst und Fleisch zum Verkauf vor, das am Mittag auf den Tisch kommen soll.
So trägt jeder der Dorfbewohner etwas bei, von dem alle etwas haben, und alle sinds zufrieden.
Doch eines Tages passiert etwas:
Eines der Schafe hat sich verlaufen und ist verschwunden!
Das ganze Dorf hilft bei der Suche, und schließlich finden sie das Tier. Es hat sich in eine Höhle verirrt – aber was für eine Höhle! Voll mit Gold und Juwelen, ein unermeßlicher Schatz, mehr als genug für alle! Eifrig füllen die Menschen Taschen, Kisten und Koffer und wissen sich ob des Reichtums gar nicht mehr zu fassen. Freude und Jubel wollen gar nicht mehr aufhören!
Der Abend senkt sich allmählich hernieder, die Sterne werden am Nachthimmel sichtbar, und die Dorfbewohner, müde vom Feiern, legen sich schlafen.
Am nächsten Tag klingelt der Wecker wie üblich als erstes beim Bäcker.
Der dreht sich aber gemütlich auf die andere Seite: „Ha – ich bin jetzt reich, ich muß ja nicht mehr arbeiten und kannh weiterschlafen!“
Auch der Briefträger bleibt liegen – auch er ist reich und muß nicht mehr arbeiten.
Ebenso der Schäfer, der Metzger… alle sind reich, niemand braucht mehr zu arbeiten!
Die Freude währt allerdings nicht sehr lange.
Was nutzt der ganze Reichtum? Es gibt keine Brötchen mehr, keine Briefe, keine Zeitungen, keine Wurst, und auf die Schafe paßt auch niemand auf. So weicht der Jubel zunächst einem kollektiven Chaos und dann der Ernüchterung. Die geneigte Leserschaft kann sich denken, wie die Geschichte ausgeht, und welche Einsichten all die Reichen gewonnen haben, nicht wahr?